Im Rahmen der Wildnispädagogikausbildung mussten wir immer wieder alle möglichen Ausarbeitungen zu Pflanzen und Tieren machen. Ich hatte besonders viel Freude an der Suche nach den Spuren der Tiere in Mythen und Märchen- hier mein Text über das Wiesel- die Informationen hatte ich mir teilweise im Internet und in Büchern zusammengesucht (leider hab ich damals die Quellen nicht mit aufgeschrieben), teilweise erinnerte ich mich an Märchen, die ich als Kind gelesen hatte.
Im Mittelalter kursierten allerlei phantasievolle Ansichten und Geschichten über das Wiesel, so dass es durch die Ohren empfange und gebäre (ein natürliches Geborenwerden wurde damals ja bei vielen kleinen Tierchen angezweifelt), sich mit bestimmten Kräutern (Ackerraute oder Fenchel) vor dem Gift der Schlangen schütze (vielleicht war es den Menschen nicht anders erklärlich, wie diese kleinen Tiere sonst Schlangen überwinden könnten) oder gar Kräuter (z. B. ein rotes Blümlein) wüsste, Tote wieder lebendig zu machen. Vielleicht suchte der Mensch ja nach Erklärungen für den an Todesverachtung grenzenden Mut, mit dem sich das Wiesel gelegentlich auf Beutetiere stürzt, die bedeutend größer sind als es selbst.
Nach Plinius sei Wieselgalle ein gutes Mittel gegen eine gelbe Schlangenart (Aspis), der Rest des Wieselfleisches aber giftig. Ich weiß zwar nicht, wie ein Wiesel schmeckt, vielleicht ist ja Vorsicht geboten wegen möglicher Krankheiten und Parasiten bei einem Tier, das sich von Mäusen und Ratten ernährt, dass es giftig ist, glaube ich indessen nicht.
Fasst man allerlei überlieferte Ansichten und Fabeln (da ist u. a. auch diese bekannte von der Schlacht zwischen Mäusen und Wieseln) zusammen, erhält man eine Art Doppelnatur- ein Wesen mit 2 Gesichtern, eines dem Menschen freundlich gesinnt, indem es seine Feinde (Mäuse, Ratten, gefürchtete magische Wesen) vertilgt (Polizistenimage, Weißmagierimage), ein anderes, das dem Menschen selbst und seinen Haustieren durch seine natürlichen und übernatürlichen Kräfte gefährlich werden kann (Mörderimage, Schwarzmagierimage).
Denkt man an heutige Diskussionen über Nützlichkeit oder Schädlichkeit des Wiesels und die daraus resultierende Notwendigkeit seines Schutzes oder seiner Bejagung und die dabei vorgebrachten Argumente und durchscheinenden Gefühle, so scheint ein Teil dieser Überlieferung noch recht lebendig.
Daneben gibt es vereinzelt auch Geschichten, in denen die Seele eines schlafenden Helden (z. B. Kreuzritter Guido) in Gestalt eines weißen Hermelins den Körper verlässt, zu seinen Gunsten agiert und wieder in ihn zurückkehrt- hier ist der Hermelin Sinnbild für etwas Göttliches, unwillkürlich denkt man aber auch an überlieferte Vorstellungen von Krafttieren.
Bisweilen, auch in der neueren Zeit, erhält das Wiesel einen ziemlich frechen, schurkischen Charakter (wie in Kenneth Grahams "Der Wind in den Weiden"), der an das oben erwähnte Mörderimage anzuknüpfen scheint.
Gerade habe ich noch den höchst interessanten Galinthias-Mythos (Antikes Griechenland) gefunden, der sehr schön das mythische Wesen des Wiesels beleuchtet:
Die eifersüchtige Hera richtete schon vor der Geburt von Herakles, des illegitimen Sohnes ihres Gatten Zeus und der von ihm getäuschten Alkmene, ihren Zorn auf denselben. Am liebsten hätte sie schon seine Geburt vereitelt. Auf ihre Bitten hin waren Eileithya und die Parzen zugegen, als Alkmene in Wehen lag und hemmten diese auf magische Weise, indem sie -verbunden mit böser Absicht- ihre Hände kammartig verschränkten und die Knie übereinanderlegten. Eine Freundin und / oder Dienerin Alkmenes, Galinthias, bemerkte dies mit Sorge um das Leben ihrer Freundin und griff zu einer List: Freude vortäuschend über die (in Wirklichkeit noch gar nicht stattgefundene) glückliche Geburt lief sie (als Mädchen oder als Wiesel) auf die Parzen zu und forderte diese auf, der Mutter zu gratulieren. Die Parzen standen vor Überraschung auf und erhoben die Hände. Dabei lösten sie unwillkürlich die hemmenden "Knoten" an Händen und Knien und nahmen die magisch geburtsfördernde Haltung mit nach oben gestreckten geöffneten Händen ein, die auch auf griechischen Keramiken abgebildet ist. Da kamen die Wehen wieder in Gang und Alkmene gebar Herakles. Wütend über diese Täuschung verwandelten die Parzen Galinthias in ein listiges Wiesel, das auf abstoßende Weise durch die Ohren befruchtet wird und durch den Mund gebärt. (Dies entsprach der damals wahrscheinlich tatsächlich verbreiteten Vorstellung von der Fortpflanzung des Wiesels. Gebären durch den Mund bedeutete aber gleichzeitig Gebären ohne Hindernisse. Vielleicht ist es ja auch sinnbildlich zu verstehen und bedeutet hören und sagen, um etwas auf magische Weise hervorzubringen?) Die Geburtsgöttin Hekate (eventuell identisch mit oder ein Aspekt von Eileithya) erbarmte sich der Verwandelten und machte sie zu ihrer heiligen Dienerin. Herakles war der Galinthias dankbar, errichtete ein Heiligtum neben dem Hause und opferte ihr, wie später auch die Thebaner taten. Sicher kein Zufall, dass ausgerechnet ein Tier zur Dienerin der Geburtsgöttin wurde, das selbst ganz erstaunliche Fähigkeiten im erfolgreichen Umgang mit "verzögerten Geburten" (recht lange Eiruhe) besitzt.
Der Name "Wiesel" bedeutet im Griechischen und in verschiedenen anderen europäischen Sprachen "Schwägerin" oder "Schwester des Ehemannes". Das Wiesel gehört also zu den Tieren, die (ähnlich wie Gevatter Fuchs und Gevatter Bär...) ganz besonders als Verwandte betrachtet werden. Im Alten Griechenland war es auch vor allem ein geschätztes Haustier, das als Mäusejäger im Hause lebte. Galinthias handelt in dem Mythos als eine Hexe, die den Schadenszauber der Parzen mit List in sein Gegenteil verkehrt. Dazu musste sie sich -ähnlich wie das mythische Wiesel- gleichzeitig in Schwarzer und Weißer Magie auskennen. Interessantesweise geht es in mehreren Aspekten dieses Mythos um das Problem der Doppelnatur (s. z. B. Amphitryon, der Gatte Alkmenes, der gleichzeitig als Täter und Rächer seiner eigenen Tat sowie als Betrogener und Betrüger erscheint und im verwandelten Zeus einen Doppelgänger erhält). Da es verschiedene Varianten des Mythos gibt -mal handelt eine Dienerin oder Gespielein, mal ein Wiesel selbst, liegt die Vorstellung nahe, dass das Wiesel ein Krafttier oder eine bevorzugte Gestalt war, in die sich die "Hexe" verwandeln konnte.
In der alltäglichen Rede begegnen uns Ausdrücke wie "wieselflink"- ein durchaus zutreffender positiver Vergleich- oder -recht negativ- "herumwuseln"- was vielleicht auf die Art anspielt, wie sich das Wiesel geschickt und aus Sicht anderer überflüssiger, zielloser oder störender Weise überall hindurchschlängelt, so dass es wie nebenbei von allem Wind bekommt, was da passiert, wie es der Strategie des suchenden Jagens durchaus entspricht.
Aus Eugen Roths Kleinem Tierleben:
Das große Wiesel lebt bei uns.
Es färbt (auch kleine Wiesel tun's)
Im Herbst bis auf den Schwanz sich weiß,
Damit man Hermelin es heiß.
Die Fürstenmäntel hats verbrämt
Und deren Träger oft beschämt.
Oft herrschten die, durch Schrecken groß;
Der Mantel nur blieb fleckenlos.